
•
8 Min. Lesezeit
Warum geht mir beim Singen die Luft aus? | Singers Evolution
Warum geht mir beim Singen die Luft aus? Vocal Coach Danielle Zuber erklärt die häufigsten Ursachen und wie du deine Luft richtig einteilst und lange Phrasen sicher singst.

Danielle Zuber
Vocal Coach und Gründerin von Singers Evolution — mit über 1.200 Sänger:innen weltweit trainiert, darunter 11 „The Voice"-Finalisten.

Warum geht mir beim Singen die Luft aus?
Du holst tief Luft – und trotzdem reicht sie nicht.
Mitten in einer Phrase geht dir plötzlich die Luft aus. Du musst abbrechen, neu einatmen oder der Ton wird instabil, weil dir die Luft für das Ende der Phrase fehlt.
Das ist frustrierend. Und es passiert vielen Sängerinnen und Sängern – auch solchen, die schon länger singen.
Die häufigste Reaktion: noch tiefer einatmen. Noch mehr Luft holen.
Doch genau das kann das Gegenteil bewirken.
Denn häufig liegt das Problem gar nicht darin, dass du zu wenig Luft hast. Vielmehr kommt es darauf an, wie du deine Luft beim Singen einteilst und beim Ausatmen dosierst.
Das grosse Missverständnis mit der Luft beim Singen
Viele Sängerinnen und Sänger glauben, sie müssten besonders viel Luft einatmen, um lange Töne oder Phrasen singen zu können.
Doch mehr Luft bedeutet nicht automatisch, dass du länger singen kannst.
Im Gegenteil: Wenn du zu viel Luft einatmest, entsteht unnötiger Druck. Dadurch gibst du beim Singen oft mehr Luft ab, als der Ton tatsächlich braucht – und deine Luft ist schneller aufgebraucht.
Deshalb ist es wichtig, die Luft beim Ausatmen kontrolliert zu dosieren und über die gesamte Phrase einzuteilen. Genau das bezeichnet man als Breath Management.
Du brauchst also nicht möglichst viel Luft, sondern genau die Menge, die du für die jeweilige Phrase benötigst.
Warum geht mir beim Singen die Luft aus? Die 6 häufigsten Ursachen
1. Du atmest zu flach
Wenn du hauptsächlich in den oberen Brustbereich atmest, bleibt die Atmung oft flach und die Luft lässt sich beim Singen schwerer kontrolliert einteilen.
Besonders bei Nervosität oder Anspannung passiert das schnell: Die Schultern heben sich, die Atmung wird kurz und die unteren Rippen bewegen sich kaum.
Für das Singen ist es wichtig, dass sich beim Einatmen auch die unteren Rippen seitlich weiten, damit sich das Zwerchfell senken kann.
Was hilft: Trainiere bewusst die Flanken- und Rückenatmung. Lege deine Hände seitlich an die unteren Rippen und spüre beim Einatmen, wie sich dieser Bereich weitet. Lege anschliessend deine Hände an den unteren Rücken und spüre auch dort die Atembewegung.
Wichtiger Tipp: Lass beim Einatmen deinen Bauch los!
2. Du verbrauchst zu viel Luft
Das ist einer der häufigsten Gründe, warum Sängerinnen und Sängern beim Singen die Luft ausgeht.
Viele lassen beim Singen viel mehr Luft durch die Stimmlippen strömen, als für den Ton tatsächlich notwendig ist.
Die Folge: Du hast zwar genügend Luft eingeatmet, verbrauchst aber bereits beim Tonansatz und auf den ersten Tönen zu viel davon. Dadurch fehlt dir die Luft später für den Rest der Phrase.
Das Problem ist also nicht, dass du zu wenig Luft eingeatmet hast, sondern dass du sie von Anfang an zu schnell verbrauchst. Eine gute Atemkontrolle hilft dir, die Luft vom ersten Ton an richtig zu dosieren und über die gesamte Phrase einzuteilen.
3. Die Atemstütze funktioniert noch nicht richtig
Atemstütze bedeutet nicht, möglichst viel Druck aufzubauen oder die Bauchmuskulatur stark anzuspannen.
Es geht darum, die Ausatmung beim Singen kontrolliert zu führen, indem du dich mit der Atemstütze „an den Raum anlehnst“, und die Luft so dosierst, dass sie dir für die gesamte Phrase zur Verfügung steht.
Die unteren Rippen bleiben dabei möglichst lange geweitet, während die Atemmuskulatur die ausströmende Luft kontrolliert.
Je besser diese Koordination funktioniert, desto kontrollierter setzt du deine Luft ein – und desto leichter kannst du lange Phrasen bis zum Ende singen.
4. Du singst mit zu viel Luft
Gerade dieser Punkt wird häufig unterschätzt.
Viele Sängerinnen und Sänger glauben, ein Ton brauche besonders viel Luft, damit er kräftig und voll klingt.
Doch häufig passiert genau das Gegenteil.
Wenn zu viel Luft durch die Stimmlippen strömt, verbrauchst du deine Luft schneller und erzeugst gleichzeitig zu viel Druck auf die Stimme.
Ein voller Ton entsteht nicht dadurch, dass du möglichst viel Luft hindurchschickst. Er entsteht durch eine gute Atemkontrolle, die richtige Atemstütze und vor allem durch die richtige Resonanzstelle im Körper.
Auch Luftstrom und Stimmlippen müssen gut aufeinander abgestimmt sein. So kannst du mit weniger Luft einen stabileren und tragfähigeren Ton erzeugen.
5. Du hast zu viel Spannung im Körper
Wenn Hals, Schultern oder Kiefer angespannt sind, wird auch das Atmen schwieriger.
Vielleicht ziehst du beim Einatmen die Schultern hoch. Vielleicht spannst du den Bauch bereits an, bevor du überhaupt zu singen beginnst. Oder du versuchst, einen schwierigen Ton mit zusätzlicher Kraft zu erreichen.
Durch diese Spannungen wird das Einatmen schwieriger und du kannst deine Luft beim Singen schlechter kontrollieren und einteilen.
Viele Sängerinnen und Sänger bemerken diese Spannung zunächst gar nicht. Sie merken nur, dass das Singen zunehmend anstrengend wird und ihnen ungewöhnlich schnell die Luft ausgeht.
6. Du teilst deine Luft im Song falsch ein
Singen bedeutet auch, die Luft für jede Phrase richtig einzuteilen.
Nicht jede Phrase ist gleich lang. Manche brauchen nur wenig Luft, andere deutlich mehr.
Deshalb ist es wichtig zu wissen: Wo und vor allem wie atme ich ein?
Wenn du genügend Zeit zum Einatmen hast, kannst du anders einatmen als bei einem Song mit schnellem Text, bei dem dir nur wenig Zeit bleibt.
Frage dich deshalb: Wie lang ist die nächste Phrase? Wie viel Zeit habe ich zum Einatmen? Und wie viel Luft brauche ich tatsächlich dafür?
Erfahrene Sängerinnen und Sänger überlassen das Einatmen nicht dem Zufall. Sie markieren ihre Atemstellen im Song und üben genau, wo und wie sie einatmen.
Das ist ein wichtiger Teil von gutem Breath Management.
Meine wichtigste Atemübung für lange Phrasen
Eine gute Atemkontrolle beginnt bereits vor dem ersten Ton.
Mit der richtigen Übung kannst du lernen, deine Luft gleichmässiger einzuteilen und sie nicht bereits am Anfang einer Phrase zu verbrauchen.
In diesem Video zeige ich dir eine meiner wichtigsten Atemübungen vor dem Singen – als Grundlage für lange und stabile Phrasen.
🎥 Video ansehen
4 Tipps, wenn dir beim Singen die Luft ausgeht
Wenn dir beim Singen regelmässig die Luft ausgeht, können dir diese vier Tipps helfen, deine Luft besser einzuteilen und längere Phrasen sicherer zu singen.
1. Trainiere die Flankenatmung
Lege deine Hände seitlich an die unteren Rippen. Atme ruhig ein und spüre, wie sich die Rippen seitlich weiten. Lass dabei deinen Bauch los und die Schultern entspannt.
Besonders wichtig: Entspanne zwischen dem Ausatmen und dem nächsten Einatmen schnell deinen Bauch. Dadurch kann sich das Zwerchfell beim Einatmen wieder senken und du kannst besser und ohne unnötige Spannung erneut einatmen.
2. Markiere deine Atemstellen
Nimm einen Song, bei dem dir regelmässig die Luft ausgeht, und markiere bewusst die Stellen, an denen du einatmen möchtest.
Singe die Phrase anschliessend mehrmals und überprüfe, ob die Stelle zum Einatmen sinnvoll gewählt ist.
Manchmal reicht bereits eine kleine Veränderung – zum Beispiel vor einem bestimmten Wort einzuatmen –, damit du eine Phrase deutlich leichter durchsingen kannst.
3. Übe ein langes „Ssss“
Atme durch die Nase ein und lasse die Luft anschliessend auf einem langen „Ssss“ gleichmässig ausströmen.
Versuche nicht, einen Rekord beim Ausatmen aufzustellen. Wichtig ist, dass das „Ssss“ von Anfang bis Ende möglichst gleichmässig bleibt.
Damit trainierst du, die Luft beim Ausatmen gleichmässig zu dosieren – genau so, wie du sie später beim Singen für eine Phrase einteilen wirst.
4. Achte darauf, nicht mit zu viel Luft zu singen
Beobachte einmal bewusst, wie viel Luft du für einen Ton tatsächlich brauchst. Oft ist es deutlich weniger, als du denkst.
Je besser du lernst, Luftstrom und Tonansatz aufeinander abzustimmen, desto kontrollierter kannst du deine Luft einsetzen und desto leichter kannst du längere Phrasen mühelos singen.
Mehr über die richtige Atmung beim Singen erfährst du in meinem Blogartikel „Atemtechnik beim Singen: Die 3 wichtigsten Atemübungen für eine starke Stimme“.
https://singersevolution.de/blog/atemtechnik-beim-singen
Warum die richtige Anleitung entscheidend ist
Wenn dir beim Singen ständig die Luft ausgeht, hilft es nicht, einfach noch tiefer einzuatmen.
Du musst verstehen, wie du deine Luft einteilst, wie die Atemstütze funktioniert und wie viel – oder besser gesagt, wie wenig – Luft deine Stimme beim Singen tatsächlich braucht.
Genau deshalb sind Atmung, Atemstütze und Breath Management wichtige Bestandteile meines Online-Kurses „Singen lernen in 30 Tagen“.
Du lernst Schritt für Schritt, wie Atmung und Stimme zusammenarbeiten, wie du deine Luft kontrolliert einteilst und wie du sie an die jeweilige Phrase anpasst.
So kannst du längere Phrasen leicht und sicher durchsingen, ohne ständig nach Luft zu schnappen oder mitten in der Phrase neu einatmen zu müssen.
Mehr über den Kurs erfahren →https://singersevolution.de/programme/online-singen-lernen
FAQ
Warum geht mir beim Singen die Luft aus, obwohl ich tief eingeatmet habe?
Tiefes Einatmen allein reicht nicht. Wenn du die eingeatmete Luft zu schnell wieder abgibst, kann dir auch nach einem tiefen Atemzug mitten in der Phrase die Luft ausgehen. Wichtig ist, wie gut du deine Luft beim Singen einteilst und beim Ausatmen dosierst.
Hilft es, vor dem Singen besonders viel Luft zu holen?
Nicht wirklich. Zu viel Luft kann unnötigen Druck erzeugen und dazu führen, dass du beim Singen bereits am Anfang der Phrase zu viel Luft verbrauchst. Atme deshalb nur so viel ein, wie du für die jeweilige Phrase tatsächlich brauchst.
Warum verbrauche ich beim Singen so viel Luft?
Oft entweicht dir schon beim Tonansatz und auf den ersten Tönen zu viel Luft. Dadurch ist ein grosser Teil deiner Luft bereits verbraucht, obwohl die Phrase noch weitergeht. Mit der richtigen Atemtechnik lernst du, die Luft vom ersten Ton an zu dosieren und gleichmässig über die ganze Phrase einzuteilen.
Wie lerne ich, meine Luft beim Singen besser einzuteilen?
Indem du deine Atemstellen bewusst planst, deine Atemstütze trainierst und lernst, die Ausatmung mit der richtigen Muskulatur kontrolliert zu führen. Auch Übungen wie ein langes, gleichmässiges „Ssss“ können dir helfen, ein besseres Gefühl für deine Lufteinteilung zu entwickeln.
Wie kann ich lange Phrasen singen, ohne dass mir die Luft ausgeht?
Plane deine Atemstellen, achte darauf, wie viel Zeit du zum Einatmen hast, und atme nur so viel ein, wie du für die nächste Phrase brauchst. Teile deine Luft vom ersten bis zum letzten Ton bewusst ein. Je besser dein Breath Management funktioniert, desto leichter kannst du längere Phrasen durchsingen.
Warum geht mir beim Singen schneller die Luft aus, wenn ich nervös bin?
Bei Nervosität wird die Atmung häufig schneller und flacher. Dadurch fällt dir das korrekte Einatmen schwerer und du kannst deine Luft beim Singen schlechter einteilen. Mit einer gut trainierten Atemtechnik und Atemstütze kannst du deine Atmung auch bei Nervosität problemlos einteilen und kontrollieren.
Danielle Zuber – Singers Evolution
Das erwartet dich im nächsten Blog Artikel
Im nächsten Blogartikel zeige ich dir 5 Dinge, mit denen du deine Stimme wirklich verbessern kannst – und was du tun kannst, wenn du trotz regelmässigem Üben nicht weiterkommst.
Schreib mir, was dich beim Singen wirklich beschäftigt und ich schreibe den nächsten Artikel genau dafür. Du erhälsst eine Nachrichti, sobald er online ist.
